Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) soll die europäische Nachhaltigkeitsberichterstattung grundlegend revolutionieren und für maximale Vergleichbarkeit sorgen. Doch in der Praxis zeigt sich ein anderes Bild: Die Menge an Informationen wächst schneller als ihr tatsächlicher Analysewert. Mehr Daten führen nicht automatisch zu besseren Investmententscheidungen. Warum professionelle Einordnung, spezialisierte Analysen und menschliches Urteil auch im Zeitalter von Standardisierung und Künstlicher Intelligenz unverzichtbar bleiben.
Wie anspruchsvoll die Umsetzung ist, zeigt auch die jüngste Reform: Im Juli 2026 hat die EU-Kommission die European Sustainability Reporting Standards (ESRS), nach denen die Unternehmen im Rahmen der CSRD berichten, deutlich vereinfacht. Die Zahl der verpflichtenden Datenpunkte soll um mehr als 60 Prozent sinken. Die neuen Standards sollen damit kürzer, klarer und praktikabler werden. Sie befinden sich derzeit allerdings noch im Prüfverfahren von Europäischem Parlament und Rat.
Es klingt nach dem perfekten Werkzeug für den grünen Kapitalmarkt: Ein europaweit standardisiertes Rahmenwerk, das Unternehmen dazu verpflichtet, ihre Nachhaltigkeitsdaten nach den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) offenzulegen. Die ESRS bilden dabei gewissermaßen das „Regelbuch“ der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und legen fest, welche Informationen Unternehmen zu Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen berichten müssen.
Wer CSRD-Berichte von Unternehmen liest, soll auf einen Blick erkennen, wie es um die Zukunft eines Konzerns bestellt ist. In Kombination mit immer leistungsfähigeren KI-Systemen scheint die Vision einer weitgehend automatisierten Nachhaltigkeitsanalyse greifbar.
Doch wer glaubt, dass die ESG-Integration für Investor:innen dadurch zum Kinderspiel wird, irrt. In der Praxis führt die neue Transparenz zu einem Paradoxon: Mehr Daten bedeuten nicht automatisch mehr Erkenntnisgewinn.
Kurz erklärt: Was ist die CSRD?
Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) ist eine EU-Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen. Sie soll dafür sorgen, dass relevante Informationen zu Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen strukturierter, transparenter und besser vergleichbar veröffentlicht werden.
Welche Informationen Unternehmen berichten müssen, wird in den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) konkretisiert.

360-Grad-Analyse
In der Praxis von Nachhaltigkeitsanalyst:innen sind Nachhaltigkeitsberichte längst zu einer wichtigen Informationsquelle geworden. Sie geben Aufschluss darüber, wie ein Unternehmen mit seinen Ressourcen (sowohl hinsichtlich natürlicher Ressourcen als auch Humankapital) umgeht, welche Risiken und Chancen sich aus seinem Geschäftsmodell ergeben und wie zukunftsfähig seine Unternehmensführung aufgestellt ist.
Dabei liegt der Fokus auf jenen Nachhaltigkeitsfaktoren, die für den jeweiligen Sektor von besonderer finanzieller Materialität sind, also potenziell einen wesentlichen Einfluss auf die zukünftige Geschäftsentwicklung, Profitabilität oder Risikolage eines Unternehmens haben. Ergänzend werden auch die Nachhaltigkeitsauswirkungen der Unternehmen selbst analysiert.
Im Responsible-Investments-Team der Erste Asset Management entsteht daraus eine Gesamtbeurteilung der Investierbarkeit eines Unternehmens aus Nachhaltigkeitssicht. Gemeinsam mit der traditionellen Finanzanalyse bildet sie die Grundlage für eine fundierte Beurteilung der Attraktivität eines Unternehmens für ein Fondsinvestment. Die finale Investmententscheidung erfolgt anschließend unter Einbeziehung weiterer finanzwirtschaftlicher Analysen durch das Fondsmanagement.
Die CSRD liefert für diese Analyse zwar eine breitere Datenbasis, doch die eigentliche Arbeit beginnt erst nach dem Datendownload.
Fachbegriffe im Überblick
ESRS (European Sustainability Reporting Standards)
Die Berichtsstandards zur CSRD: Sie legen fest, welche Nachhaltigkeitsinformationen Unternehmen zu Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen berichten müssen.
Finanzielle Materialität
Beschreibt Nachhaltigkeitsthemen, die einen wesentlichen Einfluss auf die Geschäftsentwicklung, Profitabilität oder Risikolage eines Unternehmens haben können.
IROs (Impacts, Risks & Opportunities)
Auswirkungen, Risiken und Chancen, die Unternehmen im Rahmen ihrer Wesentlichkeitsanalyse identifizieren und bewerten.
Scope 1, 2 und 3
Scope 1 umfasst direkte Emissionen eines Unternehmens, Scope 2 indirekte Emissionen aus eingekaufter Energie. Scope 3 erfasst weitere indirekte Emissionen entlang der Wertschöpfungskette.
Die Illusion der perfekten Vergleichbarkeit
Die größte Schwachstelle des neuen Regelwerks ist die Annahme, eine Standardisierung der Berichtsstruktur bedeute automatisch eine Standardisierung der wirtschaftlichen Realität.
Ein direkter Peer-Vergleich zwischen Konkurrenten derselben Branche bleibt auch mit CSRD-Berichten schwierig. Der Grund dafür liegt weiterhin in den erheblichen Ermessensspielräumen bei der sogenannten Wesentlichkeitsanalyse. Auch die jüngsten Vereinfachungen der ESRS ändern nichts daran, dass Unternehmen wesentliche Auswirkungen, Risiken und Chancen – Impacts, Risks & Opportunities, kurz IROs – unterschiedlich beurteilen und priorisieren können.
Die ersten CSRD-Berichtsjahre (Quelle: Datamaran) haben gezeigt, wie unterschiedlich Unternehmen Wesentlichkeit interpretieren und anwenden. Selbst dort, wo Berichtsanforderungen standardisiert werden, bleiben erhebliche Ermessensspielräume bei der Beurteilung von Risiken, Chancen und Auswirkungen bestehen.
Die jüngsten Vereinfachungen der ESRS reduzieren zwar den Berichtsaufwand, beseitigen diese Interpretationsspielräume jedoch nicht. Die Wirtschaft befindet sich in einem permanenten Orientierungsprozess. Dass die EU-Kommission mit ihrer „Omnibus-Initiative“ den regulatorischen Rahmen bereits wieder vereinfacht und Datenpunkte gestrichen hat, sorgt am Markt nicht gerade für langfristige Planbarkeit.
Zudem weist die CSRD ein strukturelles Defizit auf: Sie liefert vor allem Informationen über die aktuelle Situation und die bisherige Entwicklung eines Unternehmens. Für eine fundierte Investmententscheidung benötigen Analyst:innen jedoch zusätzlich den Blick nach vorne – etwa auf die Glaubwürdigkeit von Klimastrategien, Dekarbonisierungspfaden und Transformationsplänen.
Wo die Datenflut versiegt
Während Standardwerte wie Scope-1- und Scope-2-Emissionen sowie Kennzahlen zur Belegschaft mittlerweile gut verwendbar sind, stoßen die Berichte an anderer Stelle an ihre Grenzen. Bei den sehr komplexen Scope-3-Emissionen entlang der Lieferkette müssen Unternehmen nach wie vor schätzen.
Für kritische Informationen abseits der nackten Zahlen – etwa die Analyse von Kontroversen, laufenden Gerichtsverfahren oder die tatsächliche Managementqualität – bietet die CSRD ebenfalls nur einen Teil des Gesamtbilds. Hier müssen Investor:innen weiterhin auf zusätzliche externe Quellen zurückgreifen.
Die Evolution der Ratingagenturen
Die Hoffnung, die CSRD würde kommerzielle ESG-Ratinganbieter wie ISS STOXX, MSCI oder Sustainalytics überflüssig machen, wird sich daher wohl nicht erfüllen. Ihre Funktion wird sich jedoch weiterentwickeln. Wo früher das mühsame Sammeln und Ergänzen von Daten im Vordergrund stand, liegt der Schwerpunkt künftig auf der Interpretation, dem Benchmarking und der Plausibilisierung der Datenflut.
Solange die CSRD in vielen Unternehmen primär als lästige Compliance-Übung verstanden wird, bleibt der strategische Mehrwert für die Unternehmenssteuerung auf der Strecke. Für den Kapitalmarkt bedeutet das: Die CSRD schließt zwar die Verfügbarkeitslücke bei den Daten, die Interpretationslücke bleibt jedoch offen.
Selbst standardisierte Datensätze können nicht automatisch beantworten, welche Themen tatsächlich entscheidungsrelevant sind, wie Zielkonflikte zu gewichten sind oder wie glaubwürdig Transformationspläne einzuschätzen sind. Auch die jüngsten Vereinfachungen der European Sustainability Reporting Standards (ESRS) ändern nichts daran, dass diese Entscheidungen weiterhin auf professionellen Ermessensurteilen beruhen.
Im Responsible-Investments-Team der Erste Asset Management entwickelte Instrumente wie der Climate Score und der Biodiversity Score unterstützen diesen Prozess. Der Climate Score berücksichtigt dabei nicht nur die aktuellen Treibhausgasemissionen eines Unternehmens, sondern auch deren Entwicklung über die Zeit sowie die Ambition der gesetzten Klimaziele.
Der Biodiversity Score hingegen bewertet die Auswirkungen eines Unternehmens auf die Natur, etwa durch Emissionen, Flächenverbrauch, Ressourcennutzung oder Umweltverschmutzung. Dadurch erhält man ein deutlich differenzierteres Bild der Nachhaltigkeitsleistung eines Unternehmens als bei einer einfachen Ja-Nein-Bewertung.
Sie ersetzen jedoch nicht das Analystenurteil.
Fazit
Mit Hilfe moderner KI-Systeme können Daten effizienter verarbeitet, Berichte analysiert und Muster erkannt werden. Wenn es jedoch darum geht, Informationen im richtigen Zusammenhang zu bewerten, komplexe Abwägungen zu treffen oder unternehmensspezifische Besonderheiten zu berücksichtigen, stößt auch die KI an ihre Grenzen.

Gerade deshalb wird auch künftig spezialisiertes Analyst:innen-Know-how notwendig bleiben, um bei der Erste Asset Management die finale Einordnung und Investierbarkeitsentscheidung aus Responsible-Investments-Sicht zu treffen.
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