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Was bedeutet die Annäherung Kanadas an die EU?

Vor 12 Stunden aktualisiert

Was bedeutet die Annäherung Kanadas an die EU?
Le premier ministre canadien, Mark Carney, et la présidente de la Commission européenne, Ursula von der Leyen, participent à une rencontre bilatérale au Parlement européen à Strasbourg, en France, le mercredi 16 septembre 2026. LA PRESSE CANADIENNE/Justin Tang
(c) APA-Images / PA / Justin Tang

Kanada und die EU peilen eine engere Zusammenarbeit an und wollen sich damit gemeinsam unabhängiger von den großen Wirtschaftsmachtblöcken USA und China machen. Welche Rolle spielt dabei die Zollpolitik von US-Präsident Trump? Und welche Weichenstellungen könnten beim EU-Kanda-Gipfel Ende Oktober folgen?

Kanada strebt dafür eine assoziierte Mitgliedschaft in der EU an, erklärte der kanadische Ministerpräsident Mark Carney in der vergangenen Woche in einer Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg. Er begrüßte damit einen entsprechenden Vorschlag von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Europa und Kanada seien gemeinsam stärker, sagte Carney.

Carneys Vorstoß einer engeren Zusammenarbeit mit der EU provozierte noch während seines Besuchs in Straßburg eine scharfe Reaktion aus Washington. US-Präsident Donald Trump bezeichnete die Idee einer assoziierten EU-Mitgliedschaft Kanadas als „lächerlich“ und drohte Europa im selben Atemzug aber mit weiteren Zöllen, sollten die USA die geplante Annäherung als „feindselig“ werten. Von der Leyen sagte, die angestrebte Partnerschaft richte sich nicht gegen andere, sondern soll die gemeinsame Stärke Europas und Kanadas erhöhen.

Auch Carney stellt seine Politik als Diversifizierung dar und nicht als Abkehr von den USA. Eine Allianz zwischen Kanada und der EU könne zum „Leuchtfeuer für andere Demokratien“ werden. Für Carney geht es damit um mehr als eine engere Handelsbeziehung. Er betonte, dass beide Partner ihre strategische Autonomie durch eine intensive Zusammenarbeit in Schlüsselbereichen sichern sollten.

Das gilt etwa für die von US-Konzernen wie Visa und Mastercard dominierten Zahlungssysteme und für kritische Rohstoffe, bei denen China eine zentrale Stellung einnimmt. Carneys Vorschlag: Kanada und die EU sollen gemeinsam eigene Alternativen aufbauen. „Wir alle haben erhebliche Lücken bei diesen strategischen Fähigkeiten“, sagte Carney. Das mache Kanada und die EU verwundbar. Allein ließen sich diese Lücken nicht schließen, „gemeinsam aber sehr wohl“.

Hinweis: Die hier angeführten Unternehmen sind beispielhaft ausgewählt worden und stellen keine Anlageempfehlung dar. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit und Prognosen sind keine zuverlässigen Indikatoren für künftige Entwicklungen.

Infografik zum Vergleich von Kanada und der EU. Kanada hat rund 41 Mio. Einwohner und ein BIP von 2.510 Mrd. US-Dollar, die EU rund 451 Mio. Einwohner und ein BIP von 23.030 Mrd. US-Dollar. Das BIP pro Kopf liegt in Kanada mit 60.300 US-Dollar über jenem der EU mit 51.030 US-Dollar. Für 2026 und 2027 wird in Kanada ein BIP-Wachstum von 1,1 bzw. 1,7 Prozent prognostiziert, in der EU von 1,2 bzw. 1,4 Prozent.
Quelle: APA/IWF/UN, Daten per 22.09.2026

Stärkere Zusammenarbeit bei KI, Technologie, Zahlungssystemen und Energie

Laut Carney und von der Leyen wollen die EU und Kanada bei der Industrieproduktion, der Künstlichen Intelligenz (KI), Halbleitern, kritischen Rohstoffen, Zahlungssystemen, Impfstoffen, Weltraumkommunikation und sauberer Energie enger kooperieren. Kanada könne etwa einen großen Beitrag zur europäischen Energiesicherheit leisten, indem es Flüssigerdgas (LNG) und Wasserstoff in großem Umfang liefere. Dafür könnten neue Hafenanlagen ausgebaut werden. Kanada wiederum könne an Europas Vorsprung bei sauberen Energietechnologien partizipieren.

Zudem schlug Carney vor, einen integrierten Markt für Finanzdienstleistungen zu prüfen und jungen Menschen das Leben, Arbeiten und Studieren im jeweils anderen Raum zu erleichtern. So will Kanada auch dem europäischen Studienförderprogramm Erasmus+ beitreten.

Eskalation des US-Handelsstreits beschleunigt Kanadas Suche nach neuen Partnern

Angetrieben wird Kanada dabei auch von der jüngsten Eskalation des Handelsstreits mit den USA. Nach gescheiterten Handelsgesprächen zwischen den USA und Kanada hatten die USA im August Zölle von 50 Prozent auf kanadische Waren im Wert von rund 20 Mrd. US-Dollar (rund 17 Mrd. Euro) verhängt. Darunter fallen etwa Hockeyschläger, Möbel, Honig und Wein. Kanada hat darauf mit Gegenzöllen auf US-Importe reagiert. Betroffen sind nach früheren Angaben Produkte aus den Bereichen Stahl und Aluminium, Haushaltsgeräte, landwirtschaftliche Ausrüstung, Zellstoff und Papier sowie Elektronik. Die Zölle sollen bei bis zu 50 Prozent auf Importe aus den Vereinigten Staaten im Wert von 27,6 Mrd. kanadische Dollar (ebenfalls etwa 17 Mrd. Euro) liegen.

Dazu kamen zuletzt neue politische Provokationen der USA. US-Präsident Trump hatte in der Woche nach dem Scheitern der Handelsgespräche per Dekret angeordnet, den nach der gleichnamigen kanadischen Provinz benannten Ontariosee, einen der fünf Großen Seen Nordamerikas, in „Lake America“ umzubenennen. Trump hat den langjährigen Verbündeten Kanada davor schon wiederholt verspottet und mit einer Annexion als 51. US-Bundesstaat gedroht.

USA sind derzeit der mit Abstand wichtigste Handelspartner Kanadas

Die USA sind derzeit mit Abstand Kanadas wichtigster Handelspartner. Die Volkswirtschaften der beiden Länder sind eng miteinander verflochten. Rund 70 Prozent aller kanadischen Exporte gehen in die Vereinigten Staaten. Auch im Energiesektor sind die Nachbarn eng verbunden: Der beiderseitige Energiehandel erreichte 2024 rund 216,8 Mrd. kanadische Dollar. Energieexporte machten dabei etwa 29 Prozent der kanadischen Warenexporte in die USA aus.

Aus dieser Abhängigkeit will sich Carney nun zumindest teilweise lösen und die Handelsbeziehungen seines Landes breiter aufstellen. Erste Verschiebungen sind bereits sichtbar: 2025 gingen Kanadas Exporte in die USA um 3,7 Prozent zurück, während die Ausfuhren in andere Länder um 11,1 Prozent zunahmen. Der Anteil der Nicht-US-Märkte an den kanadischen Exporten stieg damit auf den höchsten Stand seit mehr als vier Jahrzehnten, wie das kanadische Statistikamt mitteilte.

Infografik zu Kanadas wichtigsten Handelspartnern. Wichtigster Handelspartner Kanadas sind die USA: 2025 gingen 72,5 Prozent der Warenexporte in die USA, bei den Importen lag ihr Anteil bei 45,9 Prozent. Weitere Handelspartner sind unter anderem China, Großbritannien, Mexiko, Deutschland und Japan.
Daten per 22.09.2026

Freihandelsabkommen Ceta als Beschleuniger?

Aber auch mit der EU ist Kanada schon jetzt eng verbunden. Seit 2017 wird das Freihandelsabkommen Ceta der beiden Wirtschaftsräume vorläufig angewendet. Kanada ist zudem seit 2024 an einem wichtigen Teil des EU-Forschungsprogramms Horizon Europe beteiligt. Darüber hinaus schlossen beide Seiten 2025 eine umfassende Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft. Seit Juni dieses Jahres ist Kanada außerdem das erste nichteuropäische Land, das am EU-Verteidigungsinstrument SAFE beteiligt ist. Kanadische Unternehmen und Produkte können damit unter erleichterten Bedingungen bei gemeinsamen Beschaffungen berücksichtigt werden.

EU-Kanda-Gipfel Ende Oktober mit Weichenstellungen?

Nun müssen EU-Kommission und Kanada klären, wie aus dem politischen Vorschlag ein konkretes Modell werden kann. Dabei geht es um die Bereiche der Zusammenarbeit und die Mitspracherechte und Verpflichtungen Kanadas. Auch die Frage der Rechtsgrundlage muss geklärt werden. Eine erste wichtige Wegmarke dürfte der nächste EU-Kanada-Gipfel am 29. und 30. Oktober sein. Dann stellt sich auch die große Frage, was die 27 EU-Mitgliedstaaten von dem Vorstoß von der Leyens halten. Ein neuer Sondermitgliedsstatus dürfte sich nicht ohne Einstimmigkeit beschließen lassen und mehrere EU-Staaten hatten zuletzt immer wieder deutlich gemacht, dass für sie die EU-Erweiterung in Richtung Westbalkan oder Ukraine Priorität hat.

 

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