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Brasilien vor den Wahlen: Zwischen industrieller Stärke und politischer Erschöpfung

Vor 4 Stunden aktualisiert

Brasilien vor den Wahlen: Zwischen industrieller Stärke und politischer Erschöpfung

Anfang April war ich in São Paulo, um am Investment Forum von Bradesco BBI teilzunehmen.  Das hochkarätige Event bot zahlreiche Gespräche mit Investor:innen, Analyst:innen und Unternehmensvertreter:innen und lieferte wertvolle Einblicke in makroökonomische Entwicklungen, Fiskalpolitik sowie die Auswirkungen hoher Zinsen auf die Unternehmenslandschaft.

Neben zahlreichen Gesprächen stand vor allem ein Firmenbesuch im Fokus: das Werk von Klabin SA in Piracicaba. Was ich dort gesehen habe, verkörpert eindrucksvoll die herausragende operative Qualität und industrielle Leistungsfähigkeit Brasiliens.

Hinweis: Die in diesem Beitrag angeführten Unternehmen sind beispielhaft ausgewählt worden und stellen keine Anlageempfehlung dar. Eine Investition in Wertpapiere birgt neben Chancen auch Risiken.

Im Werk von Klabin SA in Piracicaba werden Wellverpackungen aller Art produziert. (c) Klabin SA

Klabin in Piracicaba: ein Musterbeispiel brasilianischer Industriekompetenz

Das neue Werk in Piracicaba, das Ende 2024 auf dem Gelände einer ehemaligen Zuckerrohrplantage eröffnet wurde, profitiert von einer idealen strategischen Lage: Es verfügt über eine hervorragende Anbindung an das Autobahnnetz und liegt in unmittelbarer Nähe zum Rio Piracicaba. Mit einer Jahreskapazität von 240.000 Tonnen Wellpappe (rund 421 Millionen Quadratmeter) ist es die größte und modernste Wellpappenverpackungsanlage.

Das Projekt, in das Klabin 1,56 Mrd. Brasilianische Reais (ca. 266 Mio. Euro) investiert hat, wurde am 27. März 2025 offiziell eingeweiht. Es stärkt das integrierte Geschäftsmodell des Unternehmens und ermöglicht eine noch effizientere Umwandlung von Papier in fertige Verpackungslösungen. Besonders beeindruckend ist der hohe Automatisierungsgrad der Anlage: Zwei moderne Wellpappenmaschinen mit einer Arbeitsbreite von 2,8 Metern erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 450 Metern pro Minute. Ergänzt werden sie durch neun hochmoderne Druck- und Stanzanlagen.

Fondsmanager Thomas Oposich mit dem Werksleiter von Klabin

Ein vollautomatisches Hochregallager – das erste seiner Art in Lateinamerika – mit einer Kapazität von 2,3 Millionen Kubikmetern optimiert die Logistik. Das Werk bietet zudem Platz für 6.000 Papierrollen (rund 15.000 Tonnen) und verfügt über 16 simultan nutzbare Ladedocks sowie ein vollautomatisiertes Palettensystem. Speziell entwickelte Software trifft dabei bis zu 1,5 Millionen Entscheidungen pro Minute.

Diese Kombination aus Technologie und Infrastruktur macht Klabins Wettbewerbsvorteile nur schwer nachahmbar: über 80 Jahre genetische Optimierung der Forstbestände, die einzigartige Fähigkeit, sowohl Eukalyptus- als auch Kieferfasern zu verarbeiten, ein landesweites Netz von 16 Kompetenzzentren sowie eine starke Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Das Ergebnis sind dünnere, leichtere und gleichzeitig robustere Verpackungen, mit denen Kund:innen bis zu 22 Prozent mehr Ware pro Lkw transportieren können.

Der kontinuierliche Ausbau des Marktanteils unterstreicht: Die brasilianische Industrie verfügt trotz aller Herausforderungen nach wie vor über eine beeindruckende Wettbewerbsstärke.

Investieren in Schwellenländer-Anleihen


Der ERSTE RESPONSIBLE BOND EM CORPORATE investiert in Anleihen von führenden und innovativen Unternehmen aus Schwellenländern wie Indien, Brasilien oder Mexiko. Hinweis: Eine Investition in Wertpapiere birgt neben Chancen auch Risiken. Bitte beachten Sie, die fondsspezifischen Risikohinweise am Ende des Beitrags.

Die politische Realität: Eine „Eleição de Cansaço“?

Während der Werksbesuch pure industrielle Stärke vermittelte, zeichneten die Podiumsdiskussionen und Expertenrunden in São Paulo ein deutlich ernüchternderes Bild der politischen Stimmung. Im Zentrum stand die Frage nach den Präsidentschaftswahlen am 2. Oktober 2026: Wird es eine „Eleição de Cansaço“ – eine Wahl der Müdigkeit und Erschöpfung – oder gelingt einem Kandidaten der ersehnte Durchbruch?

Die Präsidentschaftswahl 2022 gilt rückblickend als „Wahl des Wandels“, geprägt von tiefer Polarisierung, hoher emotionaler Anspannung und einer gewissen Erleichterung, als Luiz Inácio Lula da Silva die Stichwahl knapp mit 50,90 % gegen Jair Bolsonaro (49,10 %) gewann. Die Lage für 2026 wirkt derzeit wie eine ermüdete, fast schon resignierte Neuauflage dieses Duells. Die Wählerbasis ist klar segmentiert: Etwa 35 % stehen fest links (Lulistas und nicht-lulistische Linke), weitere 35 % fest rechts (Bolsonaristas und nicht-bolsonaristische Rechte).

Die eigentliche Entscheidung fällt bei den rund 30 % unabhängigen und wechselwilligen Wähler:innen. Von diesen wollen etwa 20 % gar nicht zur Wahl gehen – sie sehen keine attraktive Alternative und empfinden die Wahl als frustrierende Entscheidung zwischen „zwei Übeln“. Die verbleibenden etwa 10 % sind unentschlossen, ideologisch flexibel und haben in der Vergangenheit sowohl Lula als auch Bolsonaro bereits gewählt – und beide Male bereut.

Der amtierende Präsident Luiz Inácio Lula da Silva tritt zur Wiederwahl an – erneut gegen einen Bolsonaro. (c) APA-Images / AFP / EVARISTO SA

Lula und die Wahrnehmungslücke

Trotz relativ solider makroökonomischer Daten – reales BIP-Wachstum von ca. 2,3% im Jahr 2025, die Inflation mit 4,3% lag innerhalb des Zielkorridors und einer Arbeitslosenquote von durchschnittlich 5,6% – spüren viele Brasilianer:innen keine Verbesserung ihrer persönlichen Lage. Lediglich 12 % der Befragten geben an, ihr Einkommen sei stärker gestiegen als die Lebenshaltungskosten.

Drei „stille Mechanismen“ zehren am verfügbaren Einkommen: die schleichend steigende Verschuldung der Haushalte, anhaltend hohe Preise für Grundnahrungsmittel und Energie sowie die wachsende Verbreitung von Online-Wetten und Glücksspielen. Selbst das Flaggschiff-Programm „Bolsa Família“ wird nicht mehr als großzügiges Geschenk des Staates wahrgenommen, sondern als selbstverständliches Recht, auf das man Anspruch hat. Während Lula früher für sozialen Aufstieg und Hoffnung auf eine bessere Zukunft stand, geht es in seiner dritten Amtszeit vor allem um Umverteilung und Statuserhalt. Für viele, besonders in der unteren Mittelschicht, reicht das nicht mehr aus.

Die Rechte und die Herausforderung der Mäßigung

Auf der anderen Seite steht Flávio Bolsonaro, Sohn des Ex-Präsidenten Jair, vor einer anspruchsvollen Dreifachaufgabe: Er muss gleichzeitig Mäßigung und Seriosität ausstrahlen, eine eigene klare politische Erzählung entwickeln und die Regierung seines Vaters verteidigen, ohne dauerhaft in dessen übermächtigen Schatten zu bleiben. Die Bolsonaro-Familie agiert in den sozialen Medien als hochprofessionelles „Mega-Cluster“, bei dem Flávio, Jair, Eduardo und Michelle unterschiedliche Wählersegmente gezielt ansprechen – von evangelikalen Konservativen über libertäre Wirtschaftsliberale bis hin zu harten Anti-System-Stimmen.

Brasilien hat sich seit 2018 in seinen gesellschaftlichen Werten spürbar nach rechts verschoben: konservativer, traditioneller und familienorientierter. Der Durchschnittswähler, die Durchschnittswählerin, steht nicht mehr in der Mitte-Links, wie noch vor einer Generation. Lula musste bereits in früheren Kampagnen konservativere Positionen einnehmen, um breitere Schichten zu erreichen. Seine aktuelle starke Linkspositionierung erschwert diese strategische Flexibilität nun.

Beiden politischen Lagern fehlt derzeit eine überzeugende, positive Zukunftsprojektion. Die Wahl wirkt zunehmend oberflächlich und negativ: Viele Stimmen basieren weniger auf Begeisterung für den eigenen Kandidaten als auf der Ablehnung des jeweils anderen. Themen mit Potenzial, die Polarisierung aufzubrechen, sind unter anderem die Sorge um die Kindererziehung in einer zunehmend digitalen Welt, der Abbau von Bürokratie, die hohe Steuerbelastung für Unternehmen, die umstrittene Rolle des Obersten Gerichtshofs – „Supremo Tribunal Federal“ (STF) sowie eine wachsende Anti-System-Stimmung quer durch die Gesellschaft. Besonders die parallel stattfindenden Senatswahlen könnten zum Ventil für den aufgestauten Frust gegenüber dem STF werden.

Bis Oktober 2026 bleibt die politische Lage in Brasilien hochspannend – und vor allem weit offen. Ob die „Eleição de Cansaço“ tatsächlich eintritt oder doch noch ein Kandidat die Kraft findet, echte Begeisterung zu wecken, werden die kommenden Monate entscheiden.

Risikohinweise ERSTE RESPONSIBLE BOND EM CORPORATE

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