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EZB erhöht Leitzins: Die Gründe für den Zinsschritt

Vor 2 Stunden aktualisiert

EZB erhöht Leitzins: Die Gründe für den Zinsschritt
(c) Paul Severin
(c) Paul Severin

Die Europäische Zentralbank hat am gestrigen Donnerstag den Leitzinssatz von 2,0% auf 2,25% angehoben. Damit hat die Zentralbank ein vertrauensbildendes Signal ihrer Bereitschaft gesendet, die Inflation auf mittlere Sicht auf den Zielwert von 2% bringen zu wollen.

Weil zahlreiche Ratsmitglieder:innen die Finanzmärkte in Reden auf die Zinserhöhung vorbereitet hatten (= Forward Guidance), ist die Maßnahme nicht überraschend, und die Marktreaktion dementsprechend unbedeutend.

Dovish oder Hawkish?

Die Zinserhöhung stellt ein restriktives Signal dar. Zentralbanken sind immer mit einem Zielkonflikt konfrontiert. Soll der Leitzins eher niedrig gehalten werden, um die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt zu stützen und/oder die Zinszahlungen für Staatsschulden niedrig zu halten? Diese Politik wird als „dovish“ bezeichnet und wirkt tendenziell in Richtung ansteigende Inflation.

Oder soll der Leitzins eher hoch gehalten werden, um die Inflation so niedrig zu halten, dass die Preissteigerungen nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen? Diese Politik wird als „hawkish“ bezeichnet und wirkt tendenziell in Richtung fallende Inflation.

Tatsächlich ist in den vergangenen Monaten die Konsumentenpreisinflation angestiegen. Im Februar betrug die Preissteigerung im Jahresabstand 1,9%. Im Mai war sie auf 3,2% angestiegen. Die beschleunigte Preissteigerung war allerdings nicht breit basiert. Der treibende Faktor ist leicht identifiziert. Die Veränderung der Energiepreise ist von minus 3,1% auf plus 10,9% nach oben gesprungen. Ohne die Energiepreise ist die Inflation leicht erhöht bei 2,4% seitwärts verlaufen.

Gleichzeitig ist die wirtschaftliche Aktivität seit Jahresanfang schwach. Im ersten Quartal ist das Bruttoinlandsprodukt im Jahresabstand um lediglich 0,3% gewachsen. Dementsprechend war auch das Beschäftigungswachstum schwach (0,5% im Jahresabstand).

Warum die EZB jetzt erhöht?

Damit stellt sich die Frage, warum die Zentralbank überhaupt den Leitzinssatz anhebt. Der Inflationsanstieg entstand nicht aufgrund einer boomenden Wirtschaft, sondern wurde durch die de facto Schließung der Straße von Hormus erzeugt. Über die Energiepreisentwicklung hat die Zentralbank keine Kontrolle. Wäre es dann nicht ratsamer „durchzuschauen“? Wenn die Energiepreise fallen, ist die Inflation dann nicht wieder da, wo sie vorher war?

Ausschlaggebend ist der Kontext. Die Inflation befindet sich mittlerweile seit 2021 über dem Zielwert von 2%. Die Inflation war zwar bereits auf dem besten Weg, sich beim Zentralbankziel von rund 2% zu stabilisieren, doch der von der Iran-Krise ausgelöste Energiepreisschock hat zu einem abermaligen Anstieg der Inflation geführt. Vor diesem Hintergrund ist das Risiko angestiegen, dass die langfristigen Inflationserwartungen von uns allen permanent ansteigen.

Wenn alle einen Inflationsanstieg erwarten und sich auch danach verhalten (Unternehmen erhöhen die Preise, Arbeitnehmer:innen fordern Lohnerhöhungen), dann steigt die Inflation auch tatsächlich an. Wenn ein solches Szenario eintritt, könnten nur massive Leitzinserhöhungen, die wahrscheinlich eine Rezession auslösen würden, die Inflation wieder senken. Um einer solchen Entwicklung entgegenzuwirken, hebt die EZB lieber frühzeitig die Leitzinsen in geringem Ausmaß an – in der Hoffnung, zu einem späteren Zeitpunkt nicht kräftig anheben zu müssen.

Die Auswirkungen der angestiegenen Energiepreise sind klar stagflationär. Sie erhöhen die Inflation und verringern das Wirtschaftswachstum. Das sieht auch die EZB so. Die Inflationsprognosen wurden nach oben genommen (2026: 3,0%, 2027: 2,3%, 2028: 2,0%). Laut EZB liegt das nicht nur an den höheren Energiepreisen, sondern auch an erwarteten Überwälzungen auf Nahrungsmittel-, Güter- und Dienstleistungspreise. Dementsprechend wurden die Wachstumsprognosen aufgrund des Rückgangs der Kaufkraft nach unten genommen (2026: 0,8%, 2027: 1,2%, 2028: 1,5%). Denn die Kaufkraft wird reduziert.

Hinweis: Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für künftige Wertentwicklungen.

Wie sieht das weitere Vorgehen der Zentralbank aus?

Auf der Pressekonferenz hat EZB-Präsidentin Lagarde darauf hingewiesen, dass die Aussichten ungewiss bleiben, wobei Aufwärtsrisiken für die Inflation und Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum bestehen.

Die Leitzinsanhebung stellt wahrscheinlich nicht den Beginn eines Zinsanhebungszyklus dar, weil das Wirtschaftswachstum nicht kräftig ist (im Unterschied zu den USA). Wenn der Energiepreisimpuls abnimmt, weil die Straße von Hormus geöffnet wird, die Überwälzungseffekte von den Energiepreisen auf andere Preise niedrig bleiben und die Inflationserwartungen nicht nach oben gehen, wird der Leitzinssatz in diesem Jahr wahrscheinlich nicht stärker angehoben werden, als zurzeit in den Marktpreisen reflektiert ist (ein weiterer Zinsschritt).

Die geringen Zinsanpassungen sind hoffentlich ausreichend, um die Inflationserwartungen stabil zu halten. Damit wären die negativen Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum und die Aktienmärkte eher gering.

 

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