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Der September-Effekt: Warum der Herbst an der Börse einen schlechten Ruf hat

Vor 3 Stunden aktualisiert

Der September-Effekt: Warum der Herbst an der Börse einen schlechten Ruf hat

Kaum ein Monat wird an den Kapitalmärkten so gefürchtet wie der September. Während der Mai dank „Sell in May and go away“ zumindest sprichwörtliche Aufmerksamkeit bekommt, hat sich der September in der Statistik einen besonders schlechten Namen gemacht: Je nach Index und Betrachtungszeitraum zählt er zu den historisch schwächsten Börsenmonaten des Jahres.

Doch aus einer auffälligen historischen Statistik folgt keine verlässliche Prognose. Der September-Effekt ist ein interessantes Kapitel der Marktgeschichte – aber kein belastbares Signal, um ein Portfolio kurzfristig zu steuern.

Was die Zahlen zeigen

Für den S&P 500 ist der Befund über lange Zeiträume auffällig. Seit 1928 verlor der breite US-Aktienindex im September durchschnittlich rund ein Prozent. Je nach Datenbasis wird eine durchschnittliche September-Rendite zwischen etwa -0,7% und -1,2% ausgewiesen. Kein anderer Monat weist über diese lange Zeitreihe eine negative Durchschnittsrendite auf.

Auch beim DAX findet sich ein ausgeprägtes saisonales Muster. Eine wissenschaftliche Untersuchung der Daten von 1959 bis 1999 kam zu dem Ergebnis, dass die September-Performance unterdurchschnittlich und im Mittel negativ war. Der Befund blieb auch bei verschiedenen empirischen Spezifikationen robust.

Eine aktuelle Auswertung von 38 Septembermonaten seit 1988 in DAX, S&P 500 und Nasdaq 100 bestätigt das Bild, zeigt aber auch wichtige Nuancen.

Hinweis: Bitte beachten Sie, dass eine Veranlagung in Wertpapiere neben Chancen auch Risiken beinhaltet. Die Entwicklung in der Vergangenheit ist kein zuverlässiger Indikator für künftige Wertentwicklungen.

Quelle: Erste Asset Management, Zeitreihen Bloomberg, Daten per 08.09.2026

Besonders aufschlussreich ist der Unterschied zwischen Durchschnitt und Median. Beim S&P 500 und beim Nasdaq 100 liegt der Median leicht im Plus. Ein typischer September war also keineswegs zwingend schwach. Vielmehr können einzelne besonders negative Monate den langfristigen Durchschnitt nach unten ziehen.

Der Nasdaq 100 zeigte sich in dieser Stichprobe weniger anfällig als DAX und S&P 500. Das ist jedoch kein Beleg dafür, dass Technologieaktien grundsätzlich gegen saisonale Schwäche immun wären.

Der Blick nach Europa

Auch der EURO STOXX 50, der die größten börsennotierten Unternehmen der Eurozone abbildet, zeigt eine schwache September-Saisonalität. In einer Auswertung der vergangenen 30 Jahre verlor der Index im September durchschnittlich 1,56%. Bei 15 der 30 betrachteten Jahre schloss er den Monat im Minus. In dieser Datenreihe war der August mit durchschnittlich -1,59% sogar knapp der schwächste Monat.

Andere Zeiträume führen zu abweichenden Zahlen, bestätigen aber die grundlegende Tendenz. Eine Analyse über eine andere Langfristperiode ermittelte für den September einen durchschnittlichen Rückgang von 2,13% und ordnete ihn als schwächsten Monat für den EURO STOXX 50 ein. Der Oktober folgte dort mit einer durchschnittlichen Rendite von 2,82%, ein statistisch auffälliger, aber ebenfalls nicht zuverlässig handelbarer Gegenpol.

Diese Unterschiede sind kein Makel der Statistik, sondern Teil der richtigen Interpretation. Schon kleine Änderungen des Start- und Endzeitraums, der verwendeten Indexvariante oder der Berechnungsmethode können saisonale Durchschnittswerte merklich verändern.

Warum ausgerechnet der September?

Eine wissenschaftlich zweifelsfreie Erklärung gibt es bis heute nicht. Mehrere Hypothesen werden diskutiert:

  • Portfolio-Bereinigung vor Quartalsende: Nach dem oft ruhigeren Sommer kehren viele Marktteilnehmer:innen aus der Ferienzeit zurück. Damit steigen Handelsaktivität und Liquidität, aber auch die Bereitschaft, zuvor aufgeschobene Entscheidungen umzusetzen.
  • Rückkehr aus der Sommerpause: Mit dem Ende der ruhigeren, oft umsatzschwächeren Sommermonate steigen Handelsaktivität und Liquidität. Auch zuvor aufgeschobene Verkaufs- oder Umschichtungsentscheidungen können dann an den Markt kommen.
  • Psychologie und Erwartungen: Der Effekt ist weithin bekannt. Das kann dazu führen, dass negative Nachrichten im September besonders stark wahrgenommen werden und vorsichtiges Verhalten verstärken.
  • Historische Ereignisse: Markante Krisenmomente wie die Terroranschläge vom 11. September 2001, die Zuspitzung der Finanzkrise im September 2008 oder die China-Turbulenzen 2015 haben sich in das kollektive Gedächtnis der Märkte eingeprägt.

Das sind plausible Erklärungen, keine gesicherte Kausalität. Märkte fallen nicht, weil der Kalender September zeigt. Sie reagieren auf Konjunktur, Inflation, Zinsen, Unternehmensgewinne, Bewertungen und geopolitische Risiken.

September 2026: Ein guter Realitätstest

Der laufende Monat zeigt bereits, wie vorsichtig man mit saisonalen Deutungen sein sollte. Der S&P 500 startete am 1. September zunächst schwach und verlor 0,71% auf 7.631,47 Punkte. Steigende Renditen, höhere Ölpreise und geopolitische Risiken belasteten die Stimmung.

Doch schon an den folgenden Handelstagen drehte der Markt. Nach Signalen von Fed-Gouverneur Christopher Waller, dass er bei einer Bestätigung nachlassenden Preisdrucks für unveränderte Zinsen offen sei, gingen die Zinserhöhungsängste zurück. Der S&P 500 stieg am 3. September um 1,06% auf 7.747,71 Punkte. Damit lag der Index nach wenigen Handelstagen wieder über dem Niveau zum Monatswechsel.

Das ist kein Beweis gegen den September-Effekt. Es ist aber ein anschauliches Beispiel für seine Grenzen: Der Kalender liefert vielleicht einen historischen Kontext. Die tatsächliche Kursentwicklung bestimmen jedoch aktuelle Erwartungen zu Zinsen, Inflation, Wachstum und Unternehmensgewinnen.

Auch technisch war das Ausgangsbild weniger fragil, als es die September-Statistik vermuten lassen würde. Der S&P 500 ging nach einem starken August und nahe Rekordständen oberhalb seiner 200-Tage-Linie in den Monat. Historische Auswertungen zeigen, dass Septembermonate schwächer ausfielen, wenn der Index unter diesem langfristigen Trendindikator in den Monat startete.

Was Anleger:innen daraus mitnehmen können

Der September-Effekt ist ein interessantes Beispiel dafür, wie Marktpsychologie, Statistik und historische Erinnerung zusammenwirken. Er kann Anlass sein, die aktuelle Risikolage bewusster zu betrachten. Als alleinige Grundlage für Investitionsentscheidungen ist er jedoch ungeeignet.

Wer ausschließlich wegen eines schwachen Kalendermonats aus Aktien aussteigt, riskiert, Erholungen und langfristige Wertentwicklung zu verpassen. Das gilt besonders, weil positive Septembermonate keineswegs selten sind und Kursbewegungen häufig von einzelnen Nachrichten oder veränderten Zinserwartungen bestimmt werden.

Für langfristig orientierte Anleger:innen sind andere Fragen wichtiger:

  • Passt die Aktienquote zur eigenen Risikobereitschaft und zum Anlagehorizont?
  • Ist das Portfolio ausreichend über Regionen, Branchen und Anlageklassen diversifiziert?
  • Gibt es eine klare Strategie für Phasen höherer Schwankungen?
  • Wird das Portfolio regelmäßig überprüft, ohne kurzfristigen Schlagzeilen hinterherzulaufen?

Die sinnvollere Reaktion auf einen nervösen Marktmonat ist daher nicht automatisches Markttiming, sondern ein Blick auf die eigene strategische Aufstellung.

Fazit

Der September hat seinen schlechten Ruf nicht völlig zu Unrecht. Die langfristigen Daten zeigen für viele Aktienindizes eine schwächere durchschnittliche Entwicklung als in anderen Monaten. Daraus folgt aber keine verlässliche Prognose für den laufenden September und erst recht keine pauschale Verkaufsentscheidung.

Für Anleger:innen bleibt deshalb der wichtigste Grundsatz: Ein langfristiger, breit diversifizierter Anlageansatz und ein zur persönlichen Situation passendes Risikoprofil sind belastbarer als der Versuch, Kalendereffekte zu handeln.

Der September-Effekt ist ein interessanter Befund der Börsengeschichte. Für langfristige Anleger:innen ist er vor allem eine Erinnerung daran, historische Muster nicht mit verlässlichen Prognosen zu verwechseln.


Hinweis zur Vergleichbarkeit: Der DAX wird im deutschsprachigen Raum meist als Performanceindex ausgewiesen und berücksichtigt reinvestierte Dividenden. Der S&P 500 wird häufig als Kursindex betrachtet. Historische Renditen unterschiedlicher Indizes sind daher nur eingeschränkt direkt vergleichbar.

 

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