Welche Chancen und Risiken ergeben sich aktuell für Anleger:innen? Welche Regionen und Sektoren könnten im 2. Halbjahr 2026 die Börsenentwicklung prägen? Und wie sollten Portfolios zwischen den Herausforderungen in der Geopolitik, hoher Volatilität und Wachstumschancen ausgerichtet sein? Diese Fragen haben wir an zwei Asset Management-Aktienexperten gerichtet, die ein spannendes Bild der aktuellen Situation an den globalen Aktienmärkten gezeichnet haben.
Hinweis: Bitte beachten Sie, dass eine Veranlagung in Wertpapiere Chancen und Risiken beinhaltet.
Die Börse im Spannungsfeld
Als Anleger:in ist es derzeit nicht einfach, sich einen Reim auf die aktuelle Situation an den Finanzmärkten zu machen. Normalerweise hätte man erwartet, dass die zahlreichen geopolitischen Krisen und der damit verbundene Ölpreisanstieg die Aktienmärkte auf Talfahrt geschickt hätten. Doch genau das Gegenteil ist eingetreten. Die Aktienindizes sind trotz des negativen Umfelds nach oben gegangen und befinden sich derzeit auf oder nahe an Allzeithochs. Wie ist das möglich?
Eine Frage des Gewinnwachstums
Tamás Menyhárt, Fondsmanager des ERSTE RESPONSIBLE STOCK GLOBAL, sieht in dieser Entwicklung keinen Widerspruch, gibt aber zu, dass sie für Verwirrung sorgen kann. Für mehr Klarheit empfiehlt er einen Blick auf die Hintergründe: „Es ist nicht so, wie es auf den ersten Blick aussieht. Die geopolitischen Krisen haben sehr wohl Folgen gehabt und sind nicht spurlos an den Börsen vorbeigegangen.“ Dadurch seien die Bewertungen von US-Aktien seit Jahresbeginn auch deutlich zurückgegangen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis beim S&P 500 habe sich von 22 auf 20 reduziert – was den Einstieg in Aktieninvestments wieder interessanter gemacht habe.
Den viel wichtigeren Grund für die gute Stimmung an den Finanzmärkten sieht er jedoch im positiven Momentum beim Gewinnwachstum: „Die Gewinnerwartungen der Unternehmen gehen seit einem Jahr stetig nach oben und haben sich zuletzt sogar verdoppelt“, erläutert Menyhárt. Für viele Investor:innen sei es entscheidend, wie viel Wachstum sie für den Preis einer Aktie erhalten. „Die Prices-Earnings-Growth-Ratio, die den Aktienkurs in Relation zum erwarteten Gewinnwachstum setzt, ist derzeit so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht und hat Aktieninvestments attraktiv gemacht“, meint der Experte. Und weiter: „Investor:innen laufen regelrecht den Earnings nach, das Setup für Aktien ist derzeit echt stark!“
Die PEG-Ratio ist so niedrig, wie seit Jahrzehnten nicht
Hinweis: Die Entwicklung in der Vergangenheit ist kein zuverlässiger Indikator für künftige Wertentwicklung.

Auf dem Weg zu einer höheren Marktbreite
Menyhárt verweist zudem darauf, dass dem aktuellen Aktienboom selbst höhere Anleiherenditen und Einbrüche an den Börsen wie der jüngste Absturz von Halbleiteraktien nichts anhaben konnten. Dieser sei vorwiegend auf überzogene Markterwartungen und Gewinnmitnahmen zurückzuführen gewesen. Das habe dazu geführt, dass Investor:innen ihr Kapital sofort umgeschichtet und in andere Sektoren und Regionen investiert hätten. „Davon hat unter anderem auch Europa profitiert“, analysiert Menyhart. Generell sieht er einen ungebrochenen Trend zur Marktausbreitung, der von einer Vielzahl an Investor:innen befeuert wird, die ihr Geld möglichst breit streuen wollen.

Künstliche Intelligenz als Treiber an den Aktienmärkten
Einen weiteren Grund für den Höhenflug an den Aktienmärkten führt Christoph Vahs, Fondsmanager des ERSTE RESPONSIBLE STOCK AMERICA, ins Treffen: Der Ausbau der Künstlichen Intelligenz hat Milliardeninvestitionen in Rechenzentren, Cloud-Infrastruktur und Elektrifizierung zur Folge. Das hat vor allem Technologieaktien, aber auch Aktien der damit verbundenen Infrastruktur beflügelt.
Vahs sieht die Entwicklung im Bereich der Künstlichen Intelligenz erst am Anfang und rechnet damit, dass sie auf Jahre hinaus für Wachstum sorgen wird. Als Beispiel führt er zahlreiche Unternehmen an, „die ihr Endkundengeschäft aufgeben, weil ihre Auftragsbücher im Business-to-Business-Segment so voll sind, dass sie kaum mehr mit dem Abarbeiten nachkommen.“
Blase oder neues Zeitalter?
Darauf angesprochen, ob es auch bei der Künstlichen Intelligenz eine ähnliche Entwicklung wie bei der Dotcom-Blase Ende der 1990er-Jahre geben könnte, sieht Vahs gravierende Unterschiede zu damals: „Die Bewertungen mancher Dotcom-Unternehmen waren damals extrem hoch, obwohl sie keine Gewinne erwirtschafteten. Ab dem Jahr 2000 stürzten daher zahlreiche Technologiewerte ab.“ Im Gegensatz dazu könnten sich die großen IT-Unternehmen, die heute massiv in Künstliche Intelligenz investieren, diese Investitionen auch wirklich leisten, weil sie über einen ausreichenden Kapitalpolster verfügen. Ein Nebenaspekt dieser massiven Investitionen sei allerdings, dass die Gewinne der „Magnificent 7“-Unternehmen, zu denen Nvidia, Microsoft, Apple, Alphabet, Amazon, Meta und Tesla zählen, darunter leiden und die Aktien dadurch weniger performen als der restliche Technologiemarkt. Alles in allem sieht der Fondsmanager in der Künstlichen Intelligenz eine Chance, die vieles verändern könnte. Entscheidend sei jedoch der rasche Ausbau der benötigten Infrastruktur.
Hinweis: Die in diesem Beitrag angeführten Unternehmen sind beispielhaft ausgewählt worden und stellen keine Anlageempfehlung dar. Investitionen in Wertpapiere bergen auch Risiken.

Hunger nach Speicher, Energie und Manpower
Allein der zu erwartende zusätzliche Strombedarf, der für den Betrieb der KI-Datenzentren benötigt wird, wird der Energiewirtschaft in den kommenden Jahren einen gewaltigen Schub verleihen. Schätzungen zufolge ist bis 2030 mit einem um 350 % höheren Stromverbrauch zu rechnen, der von den Datenzentren verursacht wird.
Hinweis: Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.
Strombedarf für Daten-Zentren

Gleichzeitig ist auch weiterhin mit einem massiven Bedarf an Speicherkapazitäten zu rechnen, dem die Industrie fast nicht nachkommen kann. Die Folge sind deutlich gestiegene Speicherpreise. Sie schlagen sich immer mehr in allen Bereichen des täglichen Lebens nieder – vom Smartphone bis zum Computer.
Auch wenn die Künstliche Intelligenz in immer mehr Bereichen Jobs ersetzen wird, sieht Vahs auch einen gegenteiligen Trend: „In den USA sieht man, dass den durch Künstliche Intelligenz abgebauten Jobs deutlich mehr neu geschaffene Stellen in den Bereichen Handwerk, Immobilien und Intrastruktur gegenüberstehen.“ Zumindest vorläufig könne man daher von einem kleinen KI-Jobwunder sprechen.
Auf längere Sicht gesehen könnte die Künstliche Intelligenz aber auch ganze Branchen ausradieren, sagt Vahs, und nennt als Beispiel die Software-Industrie, die schon jetzt mit den immer leistungsstärkeren Fähigkeiten der Künstlichen Intelligenz kämpft. „Mit dem richtigen KI-Modell braucht man heutzutage keine Grafikprogramme oder Webtools mehr, um ein Bild zu bearbeiten oder eine Website zu bauen“, gibt Vahs einen Vorgeschmack auf das, was noch kommen könnte.
Chancen jenseits der Technologieriesen
Wer sich Fragen nach der Nachhaltigkeit des Investionsbooms im Bereich der Künstlichen Intelligenz stellt, wird von den beiden Experten auf andere Marktbereiche verwiesen – zum Beispiel auf Finanzwerte, Gesundheit, Biotechnologie, Industrie und Infrastruktur. Sie partizipieren zum Teil ebenfalls am KI-Trend, erscheinen aber im Vergleich zum Technologiesektor attraktiver bewertet.
Klassische Value-Sektoren wie Energie und Banken würden in der jetzigen Phase gut unterstützt, was gut für europäische Aktienindizes sei. Den Boom im Bankenbereich, an dem besonders Europa partizipiert, führen Tamás Menyhárt und Christoph Vahs unter anderem auf das Ende des negativen Zinsumfelds zurück, unter dem Finanztitel eine ganze Dekade gelitten hatten. Der jetzige Zinsanstieg ohne gestiegenes Rezessionsrisiko wirke zusätzlich stimulierend.
Positiver Ausblick auf das 2. Halbjahr 2026
Auf ihre finale Einschätzung für das zweite Halbjahr 2026 angesprochen, sind sich die beiden Fondsmanager ziemlich einig. Faire Aktienbewertungen in Kombination mit sehr solidem Unternehmenswachstum stimmen sie grundsätzlich positiv. Es müsse jedoch damit gerechnet werden, dass sich die extrem hohe Gewinnwachstumsquote der letzten zwei Quartale etwas abschwächt.
Risikofaktoren kämen vor allem seitens der Geopolitik. Auch wenn die Märkte gelernt hätten, mit der anhaltenden geopolitischen Volatilität umzugehen, könnten Ölpreis und Inflationssorgen sich immer wieder schnell an den Börsen widerspiegeln.
Mit Auswirkungen der Midterms in den USA auf die Finanzmärkte rechnet weder Menyhárt noch Vahs. Die Vergangenheit habe gezeigt, dass die Finanzmärkte noch immer mit allen möglichen Mehrheitsverhältnissen zurechtgekommen seien.
Tipp #1: Aktienfonds als Anlagemöglichkeit
Wer keine Zeit oder Lust hat, sich intensiv mit den Aktienmärkten zu beschäftigen und sein Portfolio selbst zusammenzustellen, kann die Auswahl der interessantesten Titel auch Manager:innen eines Aktienfonds wie Tamás Menyhárt und Christoph Vahs überlassen. Das Investment in einen Aktienfonds ermöglicht eine breite Streuung, die man als Einzelanleger:in kaum erreichen kann. Das eröffnet nicht nur ein großes Spektrum an Ertragschancen, sondern hilft auch dabei, das Risiko zu reduzieren. Näheres über die beiden erwähnten Aktienfonds finden Sie hier:
Hinweis: Bitte beachten Sie auch die Risiken zu den zwei Investmentfonds.
Tipp #2: Podcast: „Geld, Fonds, Börse & Co. „
In der vierten Folge von „Geld, Fonds, Börse & Co.“ sprechen wir mit den Fondsmanagern Christoph Vahs und Tamás Menyhárt über die aktuelle Lage an den Börsen. Sie erklären, warum die kräftige Gewinnentwicklung vieler Unternehmen die Märkte derzeit stützt, welche Rolle der KI-Boom spielt und warum sich die Aktienrallye mittlerweile auf immer mehr Branchen und Regionen ausweitet.
Außerdem werfen wir einen Blick auf Chancen in verschiedenen Sektoren, diskutieren mögliche Risiken durch höhere Anleihenrenditen und gehen der Frage nach, ob die aktuellen Bewertungen an den Aktienmärkten noch gerechtfertigt sind.
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