Frankreich steht vor erheblichen budgetären und politischen Herausforderungen. Die hohe Staatsverschuldung und steigende Zinskosten erhöhen den Reformdruck, während der politische Spielraum begrenzt erscheint. Ein Szenario mit ernsthaften Zahlungsproblemen scheint angesichts der wirtschaftlichen Größe und der Bedeutung Frankreichs für EU und Eurozone dennoch äußerst unwahrscheinlich. Für Investor:innen bleibt entscheidend, ob und wann es der französischen Politik gelingt, glaubwürdige Reformschritte einzuleiten. Die gestiegenen Renditen bedeuten daher höhere Risiken – können bei entsprechender Risikobereitschaft aber auch Chancen eröffnen.
Frankreich rückt in den Fokus der Kapitalmärkte
An den europäischen Kapitalmärkten war der Fokus in den vergangenen Wochen fast ausschließlich auf einen Staat gerichtet: Frankreich. Die Rendite der 10-jährigen Staatsanleihe erhöhte sich auf beinahe 5 % und damit auf den höchsten Wert seit 2002. Auch der Renditeunterschied zur Benchmark in der Eurozone, der deutschen Staatsanleihe, stieg auf 1,5 %. Ein vergleichbarer Wert war zuletzt während der Eurokrise 2012 zu beobachten.
Hinweis: Investitionen in Wertpapiere bergen Chancen und Risiken. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.
10-Jährige Rendite französischer Staatsanleihen im Zeitraum Oktober 2000 bis Oktober 2026

Die Nervosität an den Märkten war so groß, dass sich die Anleiherendite der Grande Nation auch gegenüber dem einstigen großen „Problemkind“ der Eurozone deutlich erhöhte: Der italienische Staat musste zuletzt im 10-jährigen Bereich rund 0,4 Prozentpunkte weniger an die Investor:innen bezahlen als Frankreich – und das, obwohl Italien über deutlich schwächere Ratings verfügt. Ende 2023 hatten französische Anleihen übrigens noch eine um rund 1 Prozentpunkte niedrigere Rendite als italienische Staatsanleihen.
Hinweis: Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.
Differenz Rendite 10-jähriger französischer Staatsanleihen und 10-jähriger deutscher Bundesanleihen

Differenz Rendite 10-jähriger französischer Staatsanleihen und 10-jähriger italienischer Staatsanleihen

Die Gründe für diese besorgniserregende Entwicklung sind auf mehreren Ebenen zu suchen
1. Angespannte Budgetsituation
Hauptauslöser ist die weiterhin angespannte Budgetsituation Frankreichs. Die Regierung unter Premierminister Lecornu wollte das Budgetdefizit mit einer Mischung aus Ausgabenkürzungen – darunter geringere Erhöhungen von Pensionen und Beamtengehältern – sowie Steuererhöhungen im laufenden Jahr auf 5 % senken. Dieses Ziel dürfte jedoch verfehlt werden. Stattdessen wird ein Defizit von 5,4 % prognostiziert. Die Marke von 5 % soll nun im kommenden Jahr erreicht werden.
Frankreich verzeichnet seit mehr als 45 Jahren Haushaltsdefizite, in %

Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die Frankreich seit Jahrzehnten begleitet. Das letzte ausgeglichene Budget im Jahr 1974 erscheint inzwischen wie eine ferne, verblassende Fata Morgana. In den vergangenen 20 Jahren lag das französische Defizit kontinuierlich über dem Durchschnitt der Eurozone; auch das 3-%-Maastricht-Kriterium wurde seit seiner Einführung nur selten erfüllt.
Im Ergebnis beläuft sich die französische Staatsschuld mittlerweile auf rund 120 % des BIP – ein Spitzenwert und deutlich über dem Durchschnitt von rund 90 % innerhalb der Eurozone.
Zusätzlich verschärft wird die Situation durch die gestiegenen Renditen französischer Staatsanleihen. Sie werden die staatlichen Zinsausgaben in den kommenden Jahren deutlich erhöhen. Im kommenden Jahr dürften rund 3 % des französischen BIP für Zinszahlungen aufgewendet werden müssen. Damit droht eine Negativspirale aus hoher Verschuldung und steigenden Finanzierungskosten.
2. Fehlender Konsens für Reformen
Die Steuerquote Frankreichs zählt mit 44 % zu den höchsten innerhalb der OECD, deren Durchschnitt bei 34 % liegt. Eine Budgetkonsolidierung mithilfe zusätzlicher Einnahmen erscheint daher schwierig. Gleichzeitig ist das Pensionssystem wahrscheinlich die größte „Reformbaustelle“ Frankreichs: Das Pensionsantrittsalter ist mit 63 Jahren niedrig, während die Pensionen vergleichsweise hoch sind. Bereits rund 25 % der Staatsausgaben entfallen auf das Pensionssystem.
Das Problem ist allgemein bekannt. Dennoch scheiterten die Reformversuche der vergangenen Jahre immer wieder am „Widerstand der Straße“. Eine nachhaltige Sanierung des Pensionssystems scheint politisch weiterhin nur schwer durchsetzbar.
3. Politischer Stillstand
Seit Präsident Macron 2024 – ohne unmittelbare Notwendigkeit – vorgezogene Neuwahlen angesetzt hatte, gehören Minderheitsregierungen und Wechsel an der Spitze der Regierung nach nur wenigen Monaten beinahe zum politischen Alltag Frankreichs.
Gleichzeitig wirft die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr – mit dem ersten Wahlgang am 18. April und der Stichwahl am 2. Mai – bereits ihre Schatten voraus. Aktuell werden den Spitzenkandidaten des links- und rechtspopulistischen Spektrums, Jean-Luc Mélenchon und Marine Le Pen, große Chancen auf den Einzug in die Stichwahl eingeräumt.
Dabei werden zum Teil öffentlichkeitswirksame, ökonomisch jedoch fragwürdige Positionen vertreten. Marine Le Pen tritt zwar für eine Reduktion der Staatsschulden auf 60 % inklusive entsprechender Ausgabenkürzungen ein, propagiert gleichzeitig aber eine Senkung des Pensionsantrittsalters von 63 auf 60 Jahre.
Jean-Luc Mélenchon wiederum hatte mit der „Idee“ aufhorchen lassen, jene französischen Staatsanleihen, die von der französischen Zentralbank gehalten werden, einfach für nichtig zu erklären. Zusätzliches Vertrauen bei Investor:innen konnte damit wohl kaum gewonnen werden.
Diese Gemengelage hat sich in den vergangenen Wochen weiter zugespitzt – verstärkt durch die öffentlichen „Schul-Proteste“ – und zur aktuellen Situation geführt.
Wie könnte es weitergehen?
Zunächst ist festzuhalten, dass es völlig ausgeschlossen erscheint, dass Frankreich auch nur in die Nähe ernsthafter Zahlungsprobleme oder einer Insolvenz gerät.
Untergangsszenarien haben sich bereits während der Griechenland-Krise als überzogen erwiesen und wären im Falle Frankreichs noch deutlich weniger plausibel. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU ist für das europäische Gemeinschaftsprojekt von erheblicher wirtschaftlicher und politischer Bedeutung und würde in einem absoluten Krisenszenario entsprechend unterstützt werden.
Die klassischen Formeln „Too big to fail“ und Mario Draghis „Whatever it takes“ drängen sich in diesem Zusammenhang geradezu auf.
Könnte die EZB eingreifen?
Bei weiteren Verwerfungen – also einem deutlichen Anstieg der Renditedifferenz zu Deutschland beziehungsweise nochmals höheren Renditen französischer Staatsanleihen – wäre letztlich auch eine Intervention seitens der Europäischen Zentralbank denkbar. Mithilfe des sogenannten „Transmission Protection Instrument“ (TPI) könnte die EZB am Sekundärmarkt Anleihen eines Mitgliedstaates aufkaufen, um „ungerechtfertigte Renditeaufschläge“ zu bekämpfen.
Unter Expert:innen gelten die Hürden für den Einsatz des TPI allerdings als hoch. Kurzfristig wäre daher nicht mit einem entsprechenden Eingriff zu rechnen. Zum Vergleich: 2022 lag der Renditeaufschlag italienischer Staatsanleihen gegenüber Deutschland bei 2,5 %, ohne dass sich die EZB zu einer Intervention veranlasst sah.
Breitere Maßnahmen, die die EZB grundsätzlich ebenfalls setzen könnte – etwa ein Ende des Quantitative Tightening – wären eher für den Fall relevant, dass es zu einer „Ansteckung“ mehrerer Mitgliedstaaten käme. Auch das ist aktuell nicht absehbar.
Erzwingen die Kapitalmärkte Reformen?
Realistischer erscheint ein Szenario, in dem die Kapitalmärkte implizit Reformen in Frankreich einfordern. Denn sollten die Renditen weiter steigen, würde die Finanzierung des Staatshaushalts zunehmend schwieriger.
Spätestens bei einem solchen „Liz-Truss-Moment“ – und dieser scheint noch in weiter Ferne – wäre wohl mit einem stärkeren Zusammenspiel der moderaten Kräfte innerhalb der französischen Politik zu rechnen. Der Druck der Kapitalmärkte könnte dann dazu beitragen, dass sich die Politik letztlich doch zu Reformen durchringt.
Risiko oder Chance für Investor:innen?
Sind die hohen Renditen nun Risiko oder Chance? Die Antwort hängt insbesondere von der individuellen Einstellung gegenüber Volatilität ab – und von der Einschätzung, wann beziehungsweise, ob Frankreich den Ernst der Lage erkennt.
Die Größe und die insgesamt robuste Verfassung der französischen Volkswirtschaft sollten neben ihrer Systemrelevanz innerhalb der EU und der Eurozone bei der Einschätzung jedoch nicht außer Acht gelassen werden.
Investor:innen, die die hohen Spreads als Einstiegsmöglichkeit betrachten, handeln damit gewissermaßen nach dem französischen Sprichwort:
„La vie comme elle vient“ – „Das Leben, wie es kommt.“
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