Das Marktumfeld bleibt grundsätzlich konstruktiv, doch die Kombination aus hartnäckiger Inflation, geopolitischen Spannungen und klimabedingten Belastungen verlangt eine differenzierte Sicht.
Das Umfeld für risikobehaftete Anlageklassen ist weiterhin grundsätzlich günstig. Die globalen Wachstumsindikatoren verbessern sich, während zwei wichtige Risiken zuletzt etwas abgenommen haben: eine weitere Eskalation rund um die Straße von Hormus und ein abruptes Ende des Technologiebooms. Damit bleibt das für Risikoanlagen freundliche Szenario eines inflationären Wachstums vorerst intakt.
Von Entwarnung kann dennoch keine Rede sein. Geopolitische Konflikte und die Folgen des Klimawandels wirken zunehmend zugleich auf die Weltwirtschaft ein. Dieser Impuls wirkt stagflationär: Das Angebot an Energie, Transportkapazitäten und anderen wichtigen Produktionsfaktoren wird knapper oder teurer. Höhere Kosten reduzieren die Kaufkraft der privaten Haushalte und belasten die Unternehmensmargen. Gleichzeitig kann eine eingeschränkte Verfügbarkeit zusätzliche Preisaufschläge auslösen.
Das Basisszenario erweist sich daher positiv, aber störungsanfällig.
Wachstum: Die Weltwirtschaft gewinnt leicht an Fahrt
Die wichtigsten Wachstumsindikatoren sprechen für eine moderate Beschleunigung der Weltwirtschaft. Dazu zählen die Einkaufsmanagerindizes (ansteigende Tendenz), die expansive Fiskalpolitik in Deutschland, ein beginnender Lageraufbau sowie Übertragungseffekte des Technologie- und KI-Booms auf andere Wirtschaftsbereiche. Auch fiskalische Unterstützungsmaßnahmen in China wirken stabilisierend.
Für 2026 wird ein globales Wachstum von rund 2,6 Prozent erwartet. In den entwickelten Volkswirtschaften dürfte das reale Bruttoinlandsprodukt 2026 um etwa 1,6 Prozent und 2027 um rund 1,7 Prozent wachsen. Die Weltwirtschaft bewegt sich damit ungefähr an ihrem Potenzial, möglicherweise sogar leicht darüber.
Allerdings ist das Wachstum sehr ungleich verteilt. Regional zeigen vor allem die USA sowie technologieorientierte Volkswirtschaften wie Taiwan und Singapur eine vergleichsweise hohe Dynamik. In der Eurozone zeigt das Wachstum sich weiterhin niedrig, dürfte aber allmählich an Fahrt gewinnen. Auch sektoral bestehen große Unterschiede: Während IT, Infrastruktur und investitionsnahe Bereiche expandieren, bleibt die Entwicklung in vielen traditionellen Wirtschaftssektoren verhalten.
USA: Schwacher Arbeitsmarkt, starker Technologieimpuls
Besonders deutlich wird diese Zweiteilung in den USA. Das Beschäftigungswachstum ist auf nur noch rund 20.000 neue Stellen im Dreimonatsdurchschnitt gefallen. Das ist ein Warnsignal, aber noch kein eindeutiger Beleg für einen bevorstehenden Abschwung. Der Zusammenhang zwischen Beschäftigungswachstum und Wirtschaftswachstum hat sich offenbar verschoben.
Denn gleichzeitig liefert der Technologieboom einen außergewöhnlich hohen Wachstumsbeitrag. Investitionen in Informationstechnologie, Rechenzentren, Halbleiter und KI-Infrastruktur tragen schätzungsweise rund 0,8 Prozentpunkte zum US-BIP-Wachstum bei. Der Anteil der Kapitaleinkommen am BIP hat mit rund 18 Prozent einen sehr hohen Wert erreicht. Das unterstützt die Unternehmensgewinne und liefert zumindest teilweise eine fundamentale Begründung für die hohen Aktienbewertungen.
Auch bei den Lohnstückkosten zeigt sich eine günstige Entwicklung. Ihr Wachstum ist auf rund 1,4 Prozent im Jahresabstand gefallen, vor allem weil sich das Lohnwachstum (Compensation per Hour) auf etwa 3,7 Prozent abgeschwächt hat. Das Produktivitätswachstum ist dabei bislang stabil geblieben (2,2% im Jahresabstand). Die erhofften breiten Produktivitätseffekte künstlicher Intelligenz sind auf gesamtwirtschaftlicher Ebene also noch nicht nachweisbar. Der unmittelbare Effekt des Technologiebooms besteht derzeit stärker in höheren Investitionen, Gewinnen und Kapitalerträgen als in einem sprunghaften Produktivitätsanstieg.
Für den weiteren Konjunkturausblick ist der private Konsum wichtig. Dieser war bislang in den USA kräftig bis solide, wurde aber teilweise durch eine sinkende Sparquote und steigende Vermögenswerte, insbesondere am Aktienmarkt, finanziert. Die Einzelhandelsumsätze am kommenden Freitag sind daher ein wichtiger Indikator dafür, ob die Konsument:innen ihre Ausgaben trotz nachlassender Beschäftigungsdynamik und anhaltend hoher Preise aufrechterhalten können.
Inflation: Werden drei Prozent das neue Zwei-Prozent-Ziel?
Die Inflationsraten bleiben hartnäckig über den Zielwerten der Zentralbanken. Für die entwickelten Volkswirtschaften wird für das vierte Quartal 2026 eine Inflationsrate von rund 3,3 Prozent erwartet. Erst bis Ende 2027 könnte sie auf etwa 2,3 Prozent zurückgehen.
Damit stellt sich zunehmend eine grundsätzliche Frage: Könnte eine Inflationsrate von ungefähr 3 Prozent faktisch das neue Normal werden?
Mehrere strukturelle Faktoren sprechen dafür:
- Die arbeitsfähige Bevölkerung wächst langsamer oder geht zurück.
- Deglobalisierung und wirtschaftlicher Nationalismus erhöhen die Produktionskosten.
- Geopolitische Konflikte führen häufiger zu Energie- und Angebotsschocks.
- Der Aufbau resilienterer Lieferketten erfordert zusätzliche Lagerbestände und Investitionen.
- Klimawandel und Anpassungsmaßnahmen verteuern Energie, Transport und Infrastruktur.
- Hohe Staatsschulden erschweren eine dauerhaft stark restriktive Geldpolitik.
Auch der KI-Boom ist kurzfristig nicht automatisch deflationär. Zunächst erhöht er die Nachfrage nach Rechenzentren, Elektrizität, Halbleitern, Kupfer und anderen knappen Ressourcen. Die damit verbundenen Investitionen wirken unmittelbar wachstums- und preistreibend. Ein preisdämpfender Effekt durch eine höhere Produktivität dürfte sich, wenn überhaupt, erst mit zeitlicher Verzögerung zeigen.
Zentralbanken: Kleine Zinsschritte zur Sicherung der Glaubwürdigkeit
Die Zentralbanken stehen vor einem schwierigen Zielkonflikt. Einerseits ist das Beschäftigungswachstum in den USA schwach und die Konjunktur in Europa noch wenig dynamisch. Andererseits liegt die Inflation weiterhin deutlich über den Zielwerten, während das Wirtschaftswachstum insgesamt am oder leicht über dem Potenzial liegt.
Das wahrscheinlichste Szenario sind daher geringe, aber symbolisch wichtige Leitzinsanhebungen. Sie sollen verhindern, dass sich höhere langfristige Inflationserwartungen verfestigen. Gleichzeitig sollen zu starke Zinsschritte vermieden werden, die einen Abschwung auslösen könnten.
Für die US-Notenbank wird bis Dezember 2026 ein Anstieg des oberen Leitzinsbandes von 3,75 auf 4,0 Prozent erwartet. Für die EZB wird eine Anhebung von 2,25 auf 2,5 Prozent angenommen. Trotz dieser Schritte bliebe die Geldpolitik aufgrund vergleichsweise niedriger Realzinsen insgesamt neutral bis unterstützend.
Hinweis: Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für künftige Wertentwicklungen.
Bei der Federal Reserve kommt ein kommunikativer Regimewechsel hinzu. Fed-Vorsitzender Kevin Warsh verzichtet auf eine konkrete Forward Guidance, während mehrere Mitglieder des Offenmarktausschusses ausdrücklich für Zinserhöhungen eintreten. Für die Anleihemärkte weisen beide Entwicklungen in dieselbe Richtung: Entweder steigen die erwarteten Leitzinsen oder die Unsicherheit und damit die Laufzeitrisikoprämien nehmen zu. Beides spricht tendenziell für höhere Renditen.
Währungen: Interventionen lösen das japanische Grundproblem nicht
Bemerkenswert war die gemeinsame Intervention der USA und Japans zur Stützung des Yen. Im Zuge der Intervention kauften die USA Yen und verkauften Euro. Die Europäische Zentralbank wurde erst nachträglich informiert.
Eine mögliche Motivation besteht darin, den Yen zu stabilisieren, ohne Japan zu umfangreichen Verkäufen von US-Staatsanleihen zu veranlassen. Solche Verkäufe könnten den ohnehin aufwärtsgerichteten Renditetrend am US-Anleihemarkt zusätzlich verstärken.
Hinweis: Die Entwicklung in der Vergangenheit ist kein zuverlässiger Indikator für künftige Wertentwicklungen.

Eine nachhaltige Trendwende beim Yen bleibt dennoch schwer vorstellbar, solange die japanische Geld- und Fiskalpolitik expansiv ausgerichtet ist. Interventionen können die Abwertung bremsen, aber die fundamentalen Ursachen der Währungsschwäche kaum beseitigen. Deshalb ist die Einschätzung für den Yen weiterhin neutral. Für den US-Dollar gegenüber dem Euro spricht dagegen weiterhin der US-Technologieboom in Kombination mit den erwarteten Zinserhöhungen der Fed.
Eine breitere Aufwertung asiatischer Währungen hätte zudem globale Konsequenzen. Eine Festigung von Yen, Renminbi und südkoreanischem Won würde Exporte aus diesen Ländern verteuern. Für den Rest der Welt entstünde dadurch ein inflationärer Impuls, der zusätzlichen Aufwärtsdruck auf die Renditen ausüben könnte. In den betroffenen asiatischen Volkswirtschaften selbst wäre der Effekt eher deflationär und könnte für sinkende Renditen sprechen.
Geopolitik und Klima: Angebotsschocks auf mehreren Ebenen
Die Gespräche zwischen Oman und Iran über die Straße von Hormus haben zunächst zu einem Rückgang des Ölpreises beigetragen. Eine dauerhafte Öffnung der Meerenge ist jedoch keineswegs gesichert. Politische Bedingungen des Iran, die Position der USA sowie Fragen zu Kontrolle, Sicherheit und möglichen Durchfahrtsgebühren bleiben zentrale Hürden.
Solange keine belastbare Lösung vorliegt, bleibt das Risiko eines erneuten Energiepreissprungs bestehen. Selbst bei einer Öffnung dürfte sich der Schiffsverkehr nur schrittweise normalisieren. Zudem könnten erhöhte Versicherungs- und Sicherheitskosten dauerhaft bestehen bleiben.
Parallel dazu verstärken extreme Wetterbedingungen die Belastungen für Energieversorgung und Transport. Hitzewellen erhöhen in Europa den Strombedarf für Klimaanlagen. Zusätzlich beeinträchtigen hohe Wassertemperaturen und niedrige Pegelstände die Stromproduktion einzelner Kernkraft- und Kohlekraftwerke, die auf Flusswasser zur Kühlung angewiesen sind.
Auch die Schifffahrt ist betroffen. Niedrige Wasserstände in europäischen Flüssen verteuern den Gütertransport. Im Panamakanal führt eine hohe Nachfrage nach Durchfahrtsrechten zu steigenden Transitkosten. Damit treffen mehrere Angebotsschocks gleichzeitig aufeinander: Energie, Kühlung, Schifffahrt und Logistik werden teurer oder weniger zuverlässig.
Der Klimawandel wirkt dadurch nicht nur langfristig. Er wird zu einem aktuellen makroökonomischen Faktor, der Inflation, Investitionen und Lieferketten beeinflusst.
Auswirkungen auf die Positionierung
Aus dem beschriebenen Umfeld ergibt sich eine grundsätzlich positive, aber selektive Positionierung:
- Aktien bleiben übergewichtet, weil das Wachstum resilient ist und die Tail-Risiken etwas abgenommen haben.
- US-Aktien insgesamt bleiben untergewichtet, vor allem wegen der hohen Marktkonzentration. Innerhalb der USA werden jedoch Qualitätsunternehmen, IT, dividendenstarke Titel und Unternehmen mit soliden Gewinnen bevorzugt.
- Europa Small Caps, Japan, Lateinamerika sowie Rohstoff- und Bergbauunternehmen kommen der Investitionszyklus, die Value-Ausrichtung und steigende Metallpreise entgegen.
- Die Duration bleibt moderat kurz, da anhaltende Inflationsrisiken, hohe Investitionen und leichte Leitzinsanhebungen für steigende oder zumindest nicht nachhaltig fallende Renditen sprechen.
- Staatsanleihen bleiben untergewichtet, während EUR-Unternehmensanleihen, Schwellenländeranleihen in Lokalwährung und Geldmarktanlagen bevorzugt werden.
- Rohstoffe werden insgesamt neutral beurteilt. Industriemetalle bekommen strukturell Rückenwind von KI, Infrastruktur, Energietransformation und Verteidigung. Bei Energie dominiert dagegen die geopolitische Nachrichtenlage.
- Gold bleibt langfristig attraktiv, wird kurzfristig aber durch mögliche Gewinnmitnahmen und leicht steigende Leitzinsen gebremst.
- Der US-Dollar wird gegenüber dem Euro bevorzugt, während die Einschätzung zum Yen weiterhin neutral ist.
Hinweis: Bitte beachten Sie, dass eine Veranlagung in Wertpapiere neben Chancen auch Risiken beinhaltet.
Fazit: Konstruktiv, aber nicht sorglos
Die Weltwirtschaft zeigt sich widerstandsfähiger als vielfach erwartet. Bessere Frühindikatoren, expansive Fiskalpolitik und der Investitionsboom rund um künstliche Intelligenz sprechen für ein leicht zunehmendes globales Wachstum. Gleichzeitig sind die Risiken rund um die Straße von Hormus und den Technologiezyklus etwas zurückgegangen.
Doch der aktuelle Aufschwung unterscheidet sich deutlich von früheren, disinflationären Wachstumsphasen. Geopolitik und Klimawandel belasten die Angebotsseite und halten gemeinsam mit der hohen Investitionsätigkeit den Preisdruck erhöht. Drei Prozent Inflation könnte sich damit weiterhin als hartnäckig erweisen.
Für Anleger:innen bedeutet das: Risikoanlagen bleiben interessant. Bei Anleihen spricht das Umfeld dagegen für eine vorsichtige Duration und einen stärkeren Fokus auf Carry. Das Basisszenario lautet weiterhin inflationäres Wachstum.
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