Interview: Langfristiger Ausblick Finanzmärkte

Interview: Langfristiger Ausblick Finanzmärkte
Interview: Langfristiger Ausblick Finanzmärkte
c (unsplash/ canva)
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Man benötigt eine Mischung aus Geschichte, Ökonomie und Politik, um durch den Alltagslärm zu hören und die großen Trends der Zukunft zu identifizieren. Das Investment Team der Erste AM beschäftigt sich in einer neuen Serie „Longterm Outlook“ mit dem Thema Digitalisierung & Industrie 4.0.

Den ersten Beitrag finden Sie hier: The next 10 years. 2. Beitrag: Industrie 4.0  3. Beitrag: China Aufstieg 4. Beitrag: Digitale Transformation 5. Beitrag: Säkulare Stagnation 6. Beitrag: Anstieg der Inflation?  7. Beitrag: Zinsen – niedrig für länger?

Interview mit Chief Investment Officer Gerold Permoser zu den nächsten 10 Jahren Kapitalmarkt

Welchen Sinn macht ein langfristiger Kapitalmarktausblick? Niemand würde jetzt so investieren, wie es im Durchschnitt für die nächsten 5 oder 10 Jahre ab besten wäre und das Portfolio nicht mehr verändern.

Aus unserer Sicht macht es aus drei Gründen Sinn, sich eine mittel- bis langfristige Meinung zum Kapitalmarkt und zu den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Triebkräften dahinter zu machen. 1. Es hilft einem bei kurzfristigen Investmententscheidung, 2. es beeinflusst die Unternehmensstrategie und 3. es erlaubt die langfristige Ressourcenplanung.

Kannst du uns ein Beispiel dafür geben, wie so ein langfristiger Ausblick bei Investmententscheidungen helfen kann?

Manche Entwicklungen sind langfristig viel einfacher zu prognostizieren als kurzfristig. Das beste Beispiel dafür sind demografische Entwicklungen, die für Zeiträume von 20 Jahren und mehr sehr gut vorhergesagt werden können. Demografie ist aus unserer Sicht einer der großen Treiber für das nächste Jahrzehnt. Nehmen wir z.B. die Überalterung. Zwei der Länder mit der ältesten Bevölkerung, Japan und Italien, waren in den letzten 10, 20 Jahren auch unter den Ländern mit dem geringsten Wachstum. In den nächsten 10 Jahren wird Chinas Bevölkerung sehr schnell und massiv älter werden. Auch das wird sich auf das Wachstumspotential in China auswirken.

Ein anderes Element, das auch kurzfristig hilft, ist in Szenarien zu denken. Wo, wie und wann beginnen sich Szenarien zu unterscheiden? Wir haben uns mehrere Makroszenarien angesehen und konnten erkennen, dass es vor allem in 3 bis 5 Jahren spannend wird, weil dann geld- und fiskalpolitische Entscheidungen fallen müssen, die zentrale Weichenstellungen für das restliche Jahrzehnt sein werden. Bis dahin unterscheiden sich unsere Szenarien relativ wenig. Das gibt Sicherheit in einer unsicheren Zeit.

Ein letzter Punkt besteht darin, dass man sehen kann wo bzw. worin Risiken bestehen. Wir sehen z.B. derzeit kein großes Risiko für einen massiven Anstieg der Renditen. Das ist nicht wenig, wenn man sich ansieht, wie besonders gerade bei Staatsanleihen die Situation ist.

Wie arbeitet ihr diese Themen in die Strategie ein?

Hier gibt es natürlich die üblichen Verdächten wie langfristige Ertragsschätzer bzw. die Umsetzung in einer strategischen Asset Allocation.

Darüber hinaus macht so ein Ausblick aber auch bei anderen Themen Sinn. Wir gehen derzeit von fünf großen Treibern für die nächsten 10 Jahre aus: Veränderungen in der politischen Ökonomie, wie sie die China Story weiter entwickelt, die Chancen und Gefahren der Digitalisierung, die Auswirkungen der demografische Veränderung und der endgültige Durchbruch von nachhaltigem Investieren unter ESG Kriterien (Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung).

Daraus kann man jetzt natürlich ableiten, welche Produkte nötig sind, um bestmöglich vorbereitet zu sein. Einige Beispiele dazu: Wenn Wachstum ein knappes Gut sein wird und das vorhandene Wachstum in einigen Bereichen konzentriert sein wird, dann sollte dieses Umfeld weiterhin für Private Equity sprechen. Dort ist man darauf spezialisiert, genau dieses Wachstum für Investoren zugänglich zu machen. Gleichzeitig sollten passive Produkte in diesem Umfeld weniger attraktiv sein.

Wie spiegelt sich das in Ressourcenüberlegungen wider?

Denken wir an das Thema ESG. Wir gehen davon aus, dass das nächste Jahrzehnt ein Nachhaltiges sein wird. Entsprechend müssen wir das Thema im Unternehmen verankern. Wir müssen unser Skill Set im Bereich Nachhaltigkeit weiter ausbauen und wir müssen Nachhaltigkeit auch als zentrales Element unserer Unternehmenskultur verstehen.

Nachhaltigkeit ist keine Art zu investieren, sondern eine Art zu denken. Aus diesem Grund haben wir uns im Investment Bereich einiges überlegt. So haben z.B. alle Mitarbeiter der ID heuer ein externes ESG Training absolviert. Das allein hat, hochgerechnet auf die Zeit, die hier investiert wurde, den selben Effekt als eine Person ein Jahr lang für das ESG Thema abzustellen.

Wir haben eine zweiwöchigen Präsentationsserie zu unseren ESG Aktivitäten, unsere ESG-Stand Ups, gestartet. Wir richten gerade ein Team von Spezialisten aus der Investment Division außerhalb des ESG Teams ein, das sich intensiv und laufend mit speziellen ESG Fragen beschäftigt. Und last but not least arbeiten wir gerade daran, eine Art akademische Curriculum für die Mitarbeiter der Investment Division zu schaffen.

Alles das wäre nicht möglich bzw. sinnvoll, wenn wir nicht davon überzeugt wären, dass ein Thema, wie z.B. Nachhaltigkeit die nächsten 10 Jahre prägen würde.

Du hast jetzt sehr viel über die Treiber hinter unserem Langfristigen Ausblick gesprochen. Kannst du uns auch etwas zum Ausblick selber sagen?

Auf Sicht von 12 Monaten ist zu erwarten, dass es eine Impfung gibt und damit generell die Belastung durch das Virus zurückgehen sollte. Vor diesem Hintergrund ist mit einer Fortsetzung der wirtschaftlichen Erholung zu rechnen.

Die Inflation sollte niedrig bleiben und damit den Zentralbanken den Spielraum lassen, expansiv zu bleiben. Damit werden auch die Renditen von Staatsanleihen niedrig bleiben, was wiederum der Fiskalpolitik den Raum lässt, expansiv zu bleiben.

Am Ende dieser Entwicklung werden sich Output Gaps aber verringern und irgendwann werden sich Regierungen und Zentralbanken die Frage stellen müssen, ob sie den Stimulus zurücknehmen wollen, oder bewusst weiterhin expansiv bleiben. Das wird aus unserer Sicht die zentrale Weichenstellung für das nächste Jahrzehnt oder sogar darüber hinaus. Diese Entscheidung wird vor allem auch eine politische sein. Der wirtschaftspolitische Konsensus der letzten Jahrzehnte hat sich unserer Meinung nach in den letzten Jahren und vor allem auch in der Coronakrise stark aufgeweicht und wird in den nächsten Jahren neue verhandelt werden.

Fazit

Je nachdem wie die Weichen gestellt werden, sehen wir dann zwei Szenarien als wahrscheinlich an. Entweder es geht in die Richtung einer Secular Stagnation, d.h. vereinfacht gesagt, ein Szenario, das den letzten 10 Jahren sehr ähnlich sein wird, oder es geht Richtung höherer Inflation. Das wäre dann, etwas ganz Neues. Aber bis dahin haben wir noch etwas Zeit.

Alle Artikel unserer neuen Serie “ Longterm Outlook“: https://blog.de.erste-am.com/dossier/longterm-outlook/ 

Wichtige rechtliche Hinweise:
Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.

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